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Gedicht des Monats
An dieser Stelle werden in monatlicher Folge Gedichte von Verlagsautoren präsentiert, um auf das Lyrikprogramm des Verlages aufmerksam zu machen. Einige Gedichte sind bereits erschienen, andere aber werden hier erstmals publiziert.

NOVEMBER 2021

Der Tag ist kalt und senkrecht zieht
Empor des Hauses Rauch;
Es brennt die Luft. Mein Strom, heut sieht
Man deines Atems Hauch.

Zu Eis erstarrt dein Uferrand -
Doch du, du wallst in Ruh:
Das freut mich, Freund, trotz Winterbrand
Friert dir das Herz nicht zu.

Im Eisgeschmeid von Schollen
Mit schaumkristallnem Rand
Ziehst selig du vorüber,
Es knistert leis wie Sand.
Das sind vielhundert Kronen
Von schimmernder Silberpracht,
Die setzt mit weißen Händen
Aufs Haupt dir die Winternacht.


Aus: Martin Buchner: Ausgewählte Gedichte.
Hrsg. von Eva-Maria Hertel. Passau 2013

OKTOBER 2021

Fort Boyard

Weiße Steine im salzigen Wasser, getürmt zu einer Festung.
Das Fort widersteht den anstürmenden Wellen,
trotzt dem schwarzen Himmel,
den zuckenden Blitzen, dem rollenden Donner.
Leere Boote schaukeln in der aufgewühlten See,
zerren an ihren Ketten.
Wind, die ersten Regentropfen.


Aus: Willi Arnolds: Du wirst mich finden am Montmartre. Bilder aus Frankreich.
Passau 2020.
© Ralf Schuster Verlag, Passau.

SEPTEMBER 2021

Frühherbst im Bayerischen Wald

I

In Sicht kommt
das Weite

Der Fels,
ins weiße Licht gehoben,
ein Warmblüter

Mein Rücken
beginnt sich zu regen

II

Jedes Wort
steht vor der Stille
winzig da

Beeren und Augen
reifen
im Raum

Aus: Andreas König: Zwischentoren
Passau, 2. Auflage 2019.
© Ralf Schuster Verlag, Passau.

AUGUST 2021

Bleibe

Manchmal umarmt mich ein Ort

Mit Armen von weit her,
mit Händen von nahem

Und ich rieche sein Alter,
junge Blüten und reifendes Korn,
berühre Mauern und Rinden,
streiche dem Wasser über den Rücken,
den Fischen, die in grüner Strömung stehen,
und lasse meine Furcht zurück,
zwischen ihren Flossen

Wenn ich dann fort bin,
die Linden verduften,
alle Sterne vom Holunder fallen
und der alte Birnbaum zerbricht,
so bleibe ich doch
ein Umarmter

© Andreas König

JULI 2021

ES WAR

Es war ein Sommer
voller Gewährung.

Wie glitzernder Staub
war er auf den Fächern
der Gärten verstreut,
die trunken waren von Farbe
wie die Flügel eines Pfaus.

Die Steine ringsum auf Wegen
und Beeten waren ausgeschieden
aus der Blöße des Himmels,

fadenscheinig war das Kleid
der Nacht mit den Spritzern
der Sterne, bis spät noch rollten
Lichter den Horizont entlang,

die im Aufblitzen scharf
waren wie Messer.

Aus: Matthias Attig: Fernsicht. Variationen über Traum und Erwachen. Passau 2018, S. 28.
© Ralf Schuster Verlag, Passau.

JUNI 2021

Friedrich von Hindersin (1858-1936)

Das Sonnett an das Sonnet

Seltsame Wunderblume der Sonnette,
Verborgen blühst du in des Waldes Weiten.
Wie aus des Purpurrothen Kelches Bette
Die gelben Fäden süßen Duft verbreiten!

Es mögen andre Dichter um die Wette
Mit ihren Liedern um die Schönen streiten!
Ein leichter Vers, er findet, da die Stätte,
Wo leichtes Herz mag leichten Sieg bereiten. ¿

Wer wahrhaft liebt, kann nicht von Liebe lassen,
Und lieben muss er, ob verschmäht er bliebe,
Dann immer wandelt Liebe sich in Hassen. ¿

Verschlungner Reime seltsames Getriebe,
Sonnettenform allein vermag zu fassen
Verhaltne Gluten tief verborgner Liebe.

Aus: Sonette über das Sonett. Anthologie zum Metasonett in der deutschen Dichtung.
Hrsg. von Matthias C. Hänselmann.
Passau 2021, S. 243.

MAI 2021

Givet, Eglise

Sonne dringt durch bunte Fenster.
Farben steigen auf zu Dir.
Breite deine Arme aus,
lass uns fließen im Strom,
träumen vom Licht.
Weiße Fluten steigen.
Schwarze Steine werden golden.
Die Gräber strahlen.

Aus: Willi Arnolds: Du wirst mich finden am Montmartre. Bilder aus Frankreich.
Passau 2020.
© Ralf Schuster Verlag, Passau.

APRIL 2021

Regina Magdalena Limburger (~1639-1691)

Nachrufgedicht für den 1681 verstorbenen
Dichter Sigmund von Birken ("Floridan")

Man mag die Lebens-Uhr/ wohin man will verdrehen/
Doch giebt sie keine Ruh/ ihr Stand ist Unbestand;
Die Unruh lässet sich wol fühlen: wo nicht sehen:
So richtet unsern Lauf des höchsten Künstlers Hand.
Offt schweigt der Herzens-Schlag/ der Himmels-Zeiger stecket/
indem der faule Rost den freyen Paß verschleusst;
bis eine Kreuzes-Last die Räder wieder wecket/
und GOtt sein Gnaden-Oel in alle Fugen geusst.
Jndessen bleibt es fest/ daß Hoffnungs-Circuln wanken;
Du hast uns den Compaß/ O Floridan/ verrückt!
Durch deinen frühen Fall entstehen die Gedanken:
Dein Tod und Leben wird aus einem Bild erblickt.
Ob manche falsche Uhr nicht zeiget/ wie sie schläget/
Doch traffen Gang und Klang in deiner redlich ein:
Du hast den Ausspruch wol gedreht und überleget/
Drum konte auch hernach dein Thon gewichtig seyn.
Dich hat der scharfe Zahn des Sorgen-Rads benaget/
bis dich die schwere Last der Krankheit überwug;
und jene Stunde kam (die mancher noch beklaget)
da deine Lebens-Uhr den Garaus endlich schlug.
Nun ruhest du mit Lust/ die Last blieb auf der Erden/
Diß Meisterstück ist nicht zerbrochen/ nur zerlegt!
Was jetzt vertheilet ist/ soll einst ergänzet werden:
Wie daß die Unruh dann sich ewig in uns regt?

Aus: Die Pegnitzschäferinnen. Eine Anthologie. Passau 2009.

MÄRZ 2021

Alte Torglocke
(Schloss Kronburg)

Sie schlief,
voll schönem Klang

Dem tiefen Brunnen gleich,
in dem der Spiegel
wachte

© Andreas König